Große Feste feiern

Wie schon erwähnt, habe ich für die großen Feste in Langgöns und Lollar ein Motto für die Samstagabend-Büffets ausgewählt und mich dabei nie wiederholt. Ich wollte meinen Gästen immer etwas Neues bieten. und sie damit überraschen. Das hatte ich natürlich bei den ersten Festen eher zufällig gemacht. Aber spätestens beim 6. Fest und dem ersten Büffet mit einem regionalen Thema hatte sich schon eine Tradition herausgebildet. Ich glaube, vor allem hatten meine Gäste Spaß an dem Tohuwabohu am Samstagabend, dem Mitkochen nach ausgedruckten Rezepten und der Spannung darüber, was ich mir ausgedacht hatte und wie es schmecken würde.

Ich galt bald als gute Köchin mit einem Talent für die Organisation solcher Feste. Die Themenwahl, die Rezeptsuche, der Einkauf und erhebliche Vorbereitung und Vorkocherei waren ja immer schon erledigt, wenn unsere Gäste eintrafen. Mein Mann Wolfgang trug seinen erheblichen Teil dazu bei, weil er sich intensiv um unsere Gäste kümmerte. Seine besonderen Einladungen, seine Fähigkeit, allen gleichermaßen freundlich zu begegnen, nie genervt zu sein, seine Art, immer wieder intensive Gespräche mit Einzelnen oder kleinen Gruppen zu führen, sein gelegentlicher Hang zu Blödelei oder schlagfertigen Absurditäten prägten die Atmosphäre an den Wochenenden.

Ich hatte einen besonderen Trick für diese Wochenenden, eine Idee, die sich sofort als genial herausstellte: Ich öffnete unser Haus, ich teilte die Schlafplätze zu, aber ließ meine Gäste die Betten selbst richten, ich erklärte, wo etwas zu Essen, zu Trinken, Geschirr, Gläser und alles andere zu finden ist. Natürlich gab es unter unseren Freunden welche, die dieses Self Service Angebot unbefangener annahmen, als andere. Aber es entwickelte sich schnell zu einer enormen Entlastung für mich. Ich musste niemanden fragen, was er zu trinken möchte, es bildete sich eine Frühstücksfraktion heraus, eine wechselnd besetzte Aufräumgruppe, Freiwillige zum Füllen der Spülmaschine, Kaffeekochen, Aschenbecherleeren, selbst zum Versorgen derjenigen Besucher , die nicht so häufig dabei gewesen waren.

Meine Aufgabe war, die Vorbereitung, die Uhr im Auge zu behalten und Auskunft zu geben auf das häufige „Susanne, wo ist….“. Es half mir natürlich die Tatsache, dass ich ohnehin Kurzschläfer bin, in der Regel einigermaßen standfest und nie betrunken und auch nach zwei Stunden Schlaf munter in die Welt schauen kann. Morgenmuffeligkeit ist bei diesen Festen abzustellen. Außerdem habe ich samstags, meist ab 23.00 Uhr, die Musik für die stundenlange wilde Tanzerei aufgelegt: Rockmusik war die einzig akzeptierte Wahl unserer Berliner Freunde. Unsere heimische Lollarer Freunde dagegen waren 15 Jahre jünger. Und so musste es einen akzeptablen Wechsel mit Diskomusik der achtziger und neunziger Jahre geben. Manchmal spielte ich durchaus auch etwas Aktuelles, das Gnade fand vor unser aller Ohren.

In der nächsten Zeit möchte ich die Feste im einzelnen darstellen: die Einladungen, Rezepte, eventuell Einkaufslisten….Die erste Einladung habe ich 1991 aufgehoben, die erste Menükarte 1996. Ich werde nicht chronologisch vorgehen, aber hier ist die Themenliste für alle Feste, vom ersten bis zum letzten.

1983    Berliner Kneipe

1984   Cocktailparty

1985   Süßes im Mittelpunkt

1986   30ster Geburtstag

1987    Villa Schlapp

1988    Türkisches Büffet

1989    Spanisches Büffet

1990    Westfälisches Büffet

1991    Terrinen, Galantinen und Pasteten

1992    Mittelmeerküche

1993    Schnittchen und Canapees

1994   Provence

1995    Grünes Büffet

1996    Russisches Winterfest

1997   Köstlichkeiten aus dem fernen Osten

1998    New Style for Grandma’s Food

1999    Al Fresco

2000    Karibische Nacht

2001    Allerweltsfisch und junges Gemüse

2002    Erinnerungen an Griechenland

2003    Frisch in den Frühling- Fit for Fun

2004    Fiesta Mexikana

2005    Antipasti, Tapas, Meze und Co.

2006    Back to the Fifties

2007    Hessen a la Carte

2008    Fastenspeisen und Osterschmaus

2009    Schwedisches Mitsommernachtsbuffet

2010    Frühlingserwachen a la Francaise

2011    Grünes aus allen Himmelsrichtungen

2012    American Multikulti

2013    Südsee Kreusfahrtromantik

2014    Küchentrends 2014, vegetarisch, asiatisch, traditionell, gewickelt, exostisch

2015   Typisch Deutsch? Gerichte mit Geschichte

Susanne und ihre Vorfahren, Auszug aus der Meyerinck’schen Familienchronik

 

Als ich am 25.2.1956 geboren wurde, hielt sich mein Vater Hans gerade wieder in Indien auf. Als Ofenmaurer der Fa. Still, Recklinghausen, ließ er sich gern häufig und langfristig an weitentfernte Baustellen versetzen. Das begann schon bevor er meine Mutter nach nur 6-wöchiger Brautwerbung 1954 heiratete und setzte sich während seiner gesamten Ehe fort.

Mein Vater begann seine Ausbildung mit 14 Jahren als Ofenmaurer. Mit 17 wurde er 1943 eingezogen und geriet in französische Gefangenschaft. Seiner Firma gelang es, ihn während dieser Zeit, abgeordnet von der Fa. Still, sozusagen als Teil der Reparationen, auf eine französische Kokereibaustelle zu entsenden. Bereits in jungen Jahren scheint mein Vater ein gewisses Sprachtalent gehabt zu haben, lernte er doch im Laufe seines Lebens Französisch, Englisch, Italienisch, Chinesisch und Portugiesisch, nie perfekt, aber immer doch so weit, dass er sich gut verständigen konnte, und in Brasilien z.B. vor Ort erneut einen Führerschein machen konnte. Zu diesen Sprachkenntnissen verhalf ihm auch seine Zugewandtheit zur einheimischen (gelegentlich auch weiblichen) Bevölkerung. Das war ungewöhnlich, hielt sich doch sonst die ausländische Community eher separiert.

Im Dienst der Firma Still stieg mein Vater auf. Vom Monteur wurde er zum Montageleiter, machte in den 1960ger Jahre seine Prüfung als Polier, und war in all den Jahren u.a. 5 mal in Durgapur Indien (davon zeugen heute noch die Silberbecher, die er nach jedem Einsatz bekam), in Italien, Frankreich, Taiwan, Pittsburg/USA und Brasilien. Jeder Aufenthalt dauerte mindestens 6 Monate, längstens 18 Monate. Nach seiner Zeit in Brasilien war er mit 60 Jahren nicht mehr tropentauglich, ging mit 63 in Rente und verstarb 1997 mit gerade 71 Jahren an Lungenkrebs, natürlich berufsbedingter Asbestose. Warum also die vielen Auslandaufenthalte? Seine Geschichten geben den Hinweis: Er war wer im Ausland, angesehen, Herr über viele Arbeitskräfte, lebte in großzügigen Verhältnissen, in eigenen Häusern versorgt von Personal. Seine Auslöse in den jeweiligen Ländern war gut bemessen, um so leben zu können. Währenddessen wurde seine Familie zu Hause durch ein ordentliches steuerfreies Einkommen gut versorgt.

Ob meine Mutter zu Beginn ihrer Ehe mit der Einstellung meines Vaters zum Eheleben gerechnet hat? Das erzählte sie nie. Aber sie wusste, dass mein Vater schon in Indien gewesen war und nach der Hochzeit dort wieder hingehen würde. Sie war 20 Jahre alt, als sie meinen Vater kennenlernte. Hans hatte eine gelöste Verlobung hinter sich. Den Entschluss, meine Mutter zu heiraten, fasste er schnell, obwohl seine Eltern nicht guthießen, dass er sich mit solchen „Polacken“ abgab. Immerhin war mein Großvater väterlicherseits als Steiger im Bergbau schon Vorarbeiter, wohingegen die Eltern meines Großvaters mütterlicherseits in den 20iger Jahren aus Ostpreußen, heute Polen, eingewandert waren. Meine Mutter stimmte der Heirat zu, entkam sie so doch dem mehr als schwierigen Elternhaus.

Geboren 1934 konnte meine Mutter Anneliese im Ruhrgebiet während des 2.Weltkrieges und in der Zeit danach nur einige Jahre die Volksschule besuchen. Insofern ist ihre Schulbildung lückenhaft. Sie schrieb zwar gern und viel, z.B. Briefe an meinen Vater, aber rechtschreibsicher war sie nicht. Heute würde man sagen, dass sie Legasthenikerin war, etwas, was sie an ihre Enkelin, meine Tochter Hannah, wohl vererbte. Anneliese begann mit 13 eine Lehre als Lebensmittelverkäuferin. Vor ihrer Ehe und auch noch einige Zeit danach arbeitete sie als Kellnerin in einem Ausflugslokal, wo sie meinen Vater kennenlernte. Damit hörte sie allerdings auf, als ich 1956 geboren wurde. Wir lebten in einer Dachwohnung am Nordrand von Recklinghausen. Eine Wohnküche unterm Dach, ein Schlafzimmer für meine Eltern und mich, die Toilette auf halber Treppe. Wenige Meter hinter unserem Haus begannen die Felder und „Nissenhütten“, Wellblechunterkünfte für Flüchtlinge. Steile Böschungen führten abwärts zu einer tiefergelegten Bahntrasse. Sowohl die Nissenhütten, als auch die Bahn waren mir wohl streng verboten. Dennoch war ich eines Tages eine Böschung zur Bahn halb hinuntergeklettert und wartete darauf, einem Zug zuzuwinken. Mein Vater fand mich dort. Es folgten Prügel mit einem Kochlöffel, an die ich mich noch erinnere, obwohl ich damals kaum 3 Jahre alt war.

Als mein Bruder Hans-Jörg 1959 geboren wurde, war die Wohnung zu klein und wir zogen in eine Neubauwohnung in Recklinghausen-Süd ein, 3 Zimmer, Küche, Bad, Balkon, welch ein Luxus.  Ich kam in den Kindergarten, geführt von katholischen Nonnen, die die Kleinen mit Geschichten von Tod, Sünde und Teufel erzogen, etwas, was mir noch Jahre lang Alpträume verursacht hatte. Es folgte 1962 die Volksschule. Nach nur einem Jahr nahm uns mein Vater mit nach Taranto, Süditalien. Sechs Monate blieben wir dort, ich fand es großartig, lernte Italienisch und Lesen und liebte Gelato. Nach einem halben Jahr wollte meine Mutter jedoch nicht mehr bleiben. Das war ihr einziger Versuch, meinem Vater zu einem Auftrag zu folgen.

Kurz nach unserer Rückkehr, als ich 8 Jahre alt war, begann meine Mutter wieder zu arbeiten, zuerst in der Nordsee, einem Fischgeschäft. Wir zogen nach Oer-Erkenschwick um, als ich 12 wurde. Wir hatten dort zwei Kinderzimmer und meine Mutter einen neuen Arbeitsplatz als Leiterin des Supermarktes unten im Haus. Es folgte die Position als Abteilungsleiterin fürs Kassenwesen im Kaufhaus Horten in Recklinghausen und Hannover, die Wahl zum freigestellten Betriebsrat und schließlich 1983 die Eröffnung der Gaststätte Erdelbrauck als Inhaberin in der Fußgängerzone von Lünen. Damit hatte sich meine Mutter einen lang gehegten Traum von selbständiger Arbeit in einem traditionellen Gasthaus, mit selbst gekochten  Gerichten westfälischer Hausmannskost zu Mittag, erfüllt. Damals war meine Mutter 49 Jahre alt. Von meinem Vater hatte sich meine Mutter bereits 1976 getrennt und einen neuen Lebensgefährten gefunden, den Friseurmeister Udo Sehrbrock mit einem Geschäft in Recklinghausen, bei dem sie auch kurze Zeit wohnte. Allerdings hatten sich meine Eltern nie scheiden lassen. Im Gegenteil, wann immer nötig, war mein Vater für meine Mutter da.

Anneliese hatte leider kein Talent dafür, mit ihren übrigen Verwandten dauerhaft friedlich auszukommen, sondern war mit meinem Bruder ebenso verstritten, wie mit ihren Eltern. Auch unser Verhältnis beschränkte sich auf regelmäßige Anrufe von mir, etwa alle zwei Wochen. Während mein Vater noch vor seinem Tod echtes Interesse an seiner einzigen Enkelin zeigte und jedes Vierteljahr zu uns nach Lollar kam, wobei er öfter meine Mutter mitschleppte, interessierte sie sich nicht die Bohne für meine Familie. Ich fand sie überaus aktiv, egozentrisch, empfindlich wie eine Mimose und immer wieder überraschend aufbrausend. So suchte ich kein engeres Verhältnis.

Mit 60 Jahren schließlich erkrankte meine Mutter schwer, nicht zuletzt als Folge ihres doch eher fordernden Lebensstils, und musste die Gaststätte aufgeben. Die Operation eines Aneurysmas später erforderte eine lange Rehabilitierung. Zurück blieben eine Störung des Kurzzeitgedächtnisses und ein wesentlich ausgeglicheneres Gemüt. 1997 verstarben kurz nacheinander sowohl ihr Lebensgefährte, als auch mein Vater. Meine Mutter lebte zufrieden allein in ihrer Wohnung in der Lünener Innenstadt. Ihre gesundheitlichen und leichten geistigen Beeinträchtigungen störten sie nicht weiter. Sie ignorierte alles, was ihren Seelenfrieden hätte beeinträchtigen können. Die erste Zeit nach der Aufgabe ihrer Gaststätte habe ich sie finanziell unterstützt. Als jedoch mein Vater starb, blieb für sie eine üppige Witwenrente. Dazu kam dann ihre eigene Rente und überraschenderweise vererbten ihr meine Großeltern die ansehnliche Summe von rund 60.000 DM. So war meine Mutter finanziell gut gestellt und hatte mehr, als sie ausgeben konnte. Allerdings schaffte es ihre Bank, von ihrem angesparten kleinen Vermögen innerhalb eines Jahres im Zusammenhang mit der Finanzkrise 2008 nur noch einen kümmerlichen Rest übrig zu lassen. Dagegen war nichts zu machen. Sie hatte blauäugig alle Papiere unterschrieben, auch die, mit denen sie risikoreiche Anlagen befürwortete. Meine Mutter starb dann nach nur kurzem Aufenthalt in einem Hospiz  2011 an einem verschleppten Krebsleiden.

Das nur periodenweise vorhandene Eheleben meiner Eltern führte dazu, dass ich schon als Kleinkind häufig wochenlang bei meinen Großeltern Hildegard und Ewald lebte, den Eltern meiner Mutter. Ich war gern dort. Meine Großeltern lebten in der oberen Etage eines Zechenhauses in Recklinghausen. Die Wohnung hatte eine Wohnküche mit Liegesofa und Fernseher, dahinter das Schlafzimmer. Es gab noch eine gute Stube, die nie benutzt wurde, und ein Abstellzimmer. Die Toilette war im Flur, gebadet wurde in einer Zinkwanne in der Küche, oder in der großen Klauenbadewanne in der Waschküche. Dazu gehörte noch ein niedriger Keller, höchstens 1,30 hoch, und ein Garten, Garage und Kaninchenställe inklusive. Keller und Garten waren für mich aufregende Spielplätze. Ich vergnügte mich mit dem Wellensittich meines Opis, der Streichholzschachteln vom Tisch schubste. Häufig  spielte ich Karten und Halma mit meiner Oma, nähte unzählige Puppenkleidung an der Tretnähmaschine meiner Omi und lernte ganz nebenbei auch alle anderen Handarbeiten, Stricken, häkeln, sticken. Alles war für mich Vergnügen. Das ist ganz erstaunlich, schließlich war mein Opa schwerer Alkoholiker. Morgens von 4 Uhr an arbeitete er auf dem Fruchthof, von wo er oft Zitrusfrüchte und Nüsse mitbrachte. Gegen 11.00 war er zu Hause und fing noch vor dem Mittagessen an, Bier zu trinken. Gegen 14.00 Uhr spätestens fiel er dann betrunken ins Bett und schlief bis zum späten Nachmittag. Wenn er schlecht drauf war, tobte er in der Küche herum, schmiss Lebensmittel und Teller auf den Boden und schlug meine Großmutter. Während er mich nie angerührt hatte, erzählten meine Mutter und meine Tante Christel, wie oft er sie als Kinder und noch als junge Frauen verprügelt hat und welche Angst sie vor ihm hatten. Ich dagegen wurde von meinem Großvater offenkundig geliebt, er sprach mit mir, spielte und lehrte mich nähen und basteln. Schläge bekam ich im Haus meiner Großeltern niemals.  Ich erinnere mich an Besuche auf der Trabrennbahn, Pilze- und Brombeersammeln „bei 70“. Das war ein Verkehrsschild in der Haardt, dem Wald nördlich von Recklinghausen, wo wir mit dem „Goggo“ hinfuhren.

Meine Oma erzählte Geschichten, wie sie als junge Frau bei den katholischen Nonnen als Weißnäherin lebte und arbeitete, wie sie den jungen Ewald kennenlernte. Er war eine verbotene Frucht, evangelisch, kam mit seiner Familie aus Ostpreußen, er hatte Herrenschneider gelernt und wegen des Geldes dann Hauer im Bergbau. Er hatte ein Motorrad mit Beiwagen und in seinem schicken Anzug war er so fesch, dass er es schaffte, sie zu verführen. Sie habe doch keine Ahnung gehabt, niemand hatte sie je aufgeklärt. Sie wurde schwanger mit meiner Mutter und leider kam die Hochzeit erst nach der Geburt. Kein weißes Hochzeitskleid für meine Oma. Die Schande führte dann dazu, dass sie ihre zweite Tochter erst 6 Jahre später bekam, obwohl sie ja nun verheiratet war. Meine Omi erzählte von den Schrecken des Krieges, wie oft sie im niedrigen Keller ausharrten, wie eine Bombe ein großes Loch in die Wand in der Wohnküche oben riss. Wie mein Opa besondere Lebensmittel beschaffte und auf dem Schwarzmarkt verkaufte. Einmal hatte er eine ganze geräucherte Speckseite, die bewahrte er im Kleiderschrank auf, leider solange bis sie völlig ranzig war, weil er nicht den Preis dafür erhielt, den er sich vorgestellt hatte. Omi zeigte mir die Überreste der Tabakblätter auf dem Spitzboden, die früher im Garten angebaut wurden und erzählte, dass Opi als Feuerwehrmann auf der Zeche Karl-Ludwig Carepakete „organisiert“ hatte, um die Familie zu unterhalten. Irgendwann muss er mal schwer verletzt worden sein, er hatte eine große breite Narbe auf dem Brustbein. Gegen den Schmerz habe er Morphium bekommen, sei süchtig geworden und davon nur mit dem Bier und Schnaps weggekommen. Meine Großmutter nahm ihre Ehe mit allen negativen Seiten hin. Mein häufiger Aufenthalt bei meinen Großeltern endete als ich 12 Jahre alt war, vielleicht weil ich älter geworden war, nicht mehr ganz so unkritisch. Ich ging ja schon aufs Gymnasium und Erkenschwick war viel weiter weg. Mit dem Alkohol, ebenso wie mit den Zigaretten hörte mein Opa dann mit ungefähr 70 auf. Sein Arzt hatte ihn eindringlich gewarnt, dass er beides nicht mehr lange überleben würde. Ausgerechnet, als, Opa dann dauerhaft nüchtern war, bekam meine Oma heftige psychische Probleme, mit Phasen völliger Apathie, so dass sie sich mehrmals in eine psychiatrische Klinik einweisen ließ. In dem eigentlich nicht sehr komfortablen Haus lebten meine Großeltern bis wenige Monate vor ihrem Tod. Kurz nachdem sie 1995 in eine Neubauwohnung umgezogen waren, starben sie beide innerhalb von 4 Wochen. Meine Großeltern führten das Leben einfacher Leute, selten kauften sie neue Möbel und Geräte nur, wenn die alten ersetzt werden mussten. Niemals in ihrem Leben waren sie im Ausland. Sie gingen nicht essen oder ins Theater. Ihre liebste Unterhaltung war die Tageszeitung und der Fernseher. Lebhaft in Erinnerung habe ich das sonntägliche Ritual mit dem Internationalen Frühschoppen im Gedächtnis. Danach gab es Mittagessen und dann im Fernsehen eine verfilmte Operette oder ein Heimatfilm. Eine Zeit lang hatte meine Omi sogar Putzstellen. Umso erstaunlicher war dann, dass sie an meine Mutter und Tante immerhin 120.000 DM vererbten.

Manchmal wurde ich von meinen Großeltern auch an meine Urgroßmutter Anna weitergereicht. Ich kannte noch beide Urgroßmütter. Die Mutter meines Großvaters Ewald habe ich allerdings nur wenige Male gesehen. Ich habe noch ihren ostpreußischen Akzent im Ohr, und dass sie darauf beharrte, ihre einstige Heimatstadt läge in Polen. Das war sicher ihre Reaktion darauf, dass im Ruhrpott die zugewanderten Arbeiter zwar im Bergbau gebraucht wurden, man jedoch wegen der Konkurrenz um die Arbeitsplätze auch Abstand hielt und eher abschätzig über die Polacken sprach. Das hatte sich nach dem zweiten Weltkrieg verstärkt, als zu den unbedingt erwünschten Bergleuten auch noch die Flüchtlingsfamilien aus dem Osten kamen. Obwohl man im heftig zerstörten Ruhrgebiet jeden Arbeiter brauchte, fehlte es jedoch an Unterkünften (deshalb die Nissenhütten, eine Anspielung auf die „verlausten“ Bewohner, die in großen Verbänden auf wenigen Quadratmetern hausten) und Geld. Ansonsten erinnere ich mich daran, dass es bei den wenigen Familienfesten auf dieser Seite so ungewöhnliche Gerichte gab, wie Schmalzgebackenes, Königsberger Klopse, Knödel aus gekochten Kartoffeln mit einer Füllung aus Fleischwurst, Zwiebeln und Rinderfett. Die Mutter meines Großvaters starb mit 91 Jahren.

An Anna erinnere ich mich besser. Sie war in meinen Augen schon sehr alt (81 als ich geboren wurde). Sie lebte in einer Einzimmerwohnung in der Nähe ihrer Tochter Hilde, meiner Omi. Alles fand in diesem Zimmer statt, es gab ein schmales Bett, das ich mit ihr teilen musste, wenn ich dort über Nacht bleiben sollte. Anna kochte auf einem kleinen Petroleumkocher meistens Eintöpfe. Die schmeckten wirklich gut, hatten jedoch eine längere Lebenszeit. Wenn vom Vortag nicht mehr genug da war, kam neues Gemüse und Wasser dazu. Anna kochte im Gegensatz zu meiner Großmutter wirklich gut, wenn sie in deren Küche das Zepter übernahm, Rinderbraten, Gulasch, Kaninchen usw. Anna war klein, etwas dick und flocht sich jeden Morgen aus ihren dünnen weißen Haaren einen Zopf, den sie auf ihren Kopf aufwickelte und mit einem Haarnetz fixierte. Außerdem brauchte sie eine sehr dicke Brille und zusätzlich eine Lupe zum Lesen. Ich mochte vor allem nicht bei ihr übernachten, es roch komisch in ihrem Bett. Meine Uroma war nämlich kräuterkundig. Über ihrem Bett trockneten Sträuße von Schafgarbe, Kamille, Minze und anderen Kräutern, aus denen sie ihren Tee mischte. Sie sammelte auch Löwenzahn, Giersch und Brennnessel, nicht nur für die Kaninchen meines Großvaters, ihres Schwiegersohnes, sondern auch für ihre geliebte Graupensuppe. Außerdem war die Uroma streng und mit dem Kochlöffel für ein paar Schläge schnell bei der Hand. Mit 90 gab Uroma ihre Wohnung auf und zog in das Abstellzimmer in der Wohnung meiner Großeltern. Der Spirituskocher wanderte mit. Ihr Zimmer betrat mein Großvater niemals, so wurde es Zufluchtsort für meine Oma, wenn Opi randalierte. Ich habe aber niemals gehört, dass sich mein Großvater über die Anwesenheit meiner Urgroßmutter beklagte. Sie lebte auch nicht in sondern neben seinem Haushalt und betrat die Wohnküche nur, wenn er nicht da war.

Ein wenig skurril wurde meine Uroma dann schon. In ihren Achtzigern war die strenge Katholikin zu den Zeugen Jehova übergetreten, weil die sich um sie kümmerten und gelegentlich mit dem Auto zu Gemeindeversammlungen abholten. Ich musste ihr aus dem Wachtturm vorlesen und die dogmatischen, etwas abstrusen Artikel zur Lehre Christi und zur geistlichen Bildung der Leser gefielen ihr sehr. Und sie spielte gern, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht und Halma, wobei sie schummelte und sich diebisch freute, wenn ich es nicht bemerkte. Anna starb mit 94. Eines Tages wollte sie morgens nicht aufstehen, sie wollte auch nicht essen und war etwas verwirrt. Zwei Wochen später war sie tot.

Im Gegensatz zu den häufigen Aufenthalten bei den Eltern meiner Mutter, sah ich die Eltern meines Vaters, überhaupt seine ganze Familie nicht oft. Dabei hatte mein Vater 7 Brüder, einer war gestorben, und eine Schwester. Auch die Eltern meines Vaters lebten in einem Zechenhaus von der klassischen Sorte, nämlich der Hälfte eines Doppelhauses. (Ein solches kaufte später mein Bruder und baute es mit der Hilfe meines Vaters um.) Das Haus hatte ein halb eingegrabenes Kellergeschoß für Kohlen (schließlich bekamen alle Bergleute ein Kohledeputat zum Heizen) und Vorräte. Es wurden Kartoffeln eingelagert und das viele eingekochte Obst und Gemüse brauchte Platz. Anmachholz musste gestapelt werden und die Zeitungen zum Feuermachen. Der Kellerteil zum Garten hin war Waschküche mit einem großen eingemauerten  Kupferkessel. Der Dachboden diente zum Wäsche aufhängen, kurz nach dem Krieg hatten Leute dort gelebt. Natürlich gab es kein Badezimmer sondern nur die Toilette auf halber Höhe im Treppenhaus. War auch nicht so nötig, die Bergleute gingen ja nach der Schicht in die Waschkaue und kamen sauber nach Hause. Notfalls wurde in der Waschküche gebadet, Dort stand eine große Badewanne, die eigentlich zum Wäschespülen gebraucht wurde. Im Erdgeschoss gab es die gute Stube und die Wohnküche. Darüber ein größeres und zwei kleine Zimmer. Eines wurde später nachdem Auszug der erwachsenen Kinder an einen Kostgänger vermietet. Hinter dem Haus gab es einen gepflasterten Hof und vor dem Garten den Schuppen und Ställe. Die Bergleute hielten mindestens Kaninchen und Hühner, manchmal sogar ein Schwein. Das ganze langgezogene Grundstück endete mit einem Nutzgarten. Ich fand es schön dort. Immer wenn ich dort war, traf ich auch meine gleichalten und älteren Cousins. Aber meine Mutter ging nicht gern hin und ich glaube nicht, dass sie von diesem Familienteil während der langen Reisen meines Vaters Unterstützung erfuhr. Deshalb blieb mir dieser Familienteil weitgehend fremd.

So hatte ich anfangs eine Kindheit, die sicher typisch für die fünfziger und frühen sechziger Jahre war. Die Eltern waren autoritär und schnell mit körperlichen Strafen bei der Hand, Verbote und Anweisungen waren die geläufigsten Erziehungsmittel. Wir hatten aber auch Freiraum. Nach der Schule trafen wir uns in großen Kindergruppen auf dem Spielplatz unserer Straße und verbrachten die Zeit mit unseren Freunden. Nach unserer Zeit in Italien war ich meinen Klassenkameraden in der Volksschule weit voraus, zumal die bevorzugte Strafe meiner Mutter war, mich das kleine, später das große Einmaleins aufschreiben zu lassen, oder einen Aufsatz zu verfassen, 5 Seiten, warum ich etwas tun oder lassen sollte. Meine junge Lehrerin kam auf eine grandiose Idee, wie sie mich davon abhalten konnte, vor Langeweile permanent den Unterricht zu stören. Sie entdeckte, dass ich ein Buch lesen und trotzdem den Unterrichtsstoff mitbekommen konnte. Und so übertrug sie mir die Leitung der Klassenbibliothek. Ich durfte jedes Buch zuerst lesen, zusammenfassen und den anderen Schülern empfehlen. Leider wurde sie von einem ältlichen Fräulein abgelöst. Die fand, ich sei wegen meines Mangels an Gehorsam und Disziplin nicht in der Lage dem Unterricht zu folgen. Die guten Noten verdanke ich nur meinem guten Gedächtnis. Etwas stellte sie mich in die Nähe des damals noch eher unbekannten Autismus. Sie fand jedenfalls, ich solle eine Sonderschule besuchen. Nun gab es damals in Nordrhein-Westfalen eine große Bildungsinitiative. Den Arbeiterkindern sollte höhere Bildung zugänglich gemacht werden. Es gab keine Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium mehr und die Schulbücher waren frei. Neue Schulen und Universitäten wurden gegründet. Also trotzte meine Mutter der Lehrerin und der ganzen Verwandtschaft meines Vaters gleich dazu und meldete mich fürs neue Gymnasium an.

Später dann ging es mir weniger gut. Nach dem Umzug nach Erkenschwick verlor ich den Anschluss an Freunde. In der Straße gab es wenige Kinder, das Gymnasium war eine Dreiviertelstunde Busfahrt weg. Meine Mutter hatte als Filialleiterin den ganzen Tag zu tun. Deshalb wurde jeden Morgen vor ihrer Arbeit und meiner Schule die Wohnung geputzt. Und so musste die Wohnung auch abends aussehen. Außerdem wurde ich zuständig, Wäsche zu waschen, zu bügeln und das Essen zu kochen. Davon war mein 3 Jahre jüngerer Bruder eigentlich nicht ausgenommen. Aber er scherte sich nicht darum, im Notfall konnte er immer behaupten, ich sei schuld. Selbst sonntags, wenn meine Mutter zu Hause war, verzog er sich auf die Toilette, bis ich mit dem Abwasch fertig war. Ich war die Ältere und immer dran, wenn etwas nicht nach den Vorstellungen meiner Mutter lief. Kein Wunder, ich wurde kein Freund meines Bruders.

Kurze Zeiten behandelte mich meine Mutter durchaus freundschaftlich, erkannte an, dass ich älter wurde und aus der Schule ein ganz anderes Weltbild mitbrachte. Während mein Vater im Ausland war, ging sie am Wochenende aus, traf sich mit Leuten, hatte männliche Freunde und erzählte mir davon. Mit 14 interessierten sich Jungs für mich und ich durfte  samstags nachmittags die Disko im Jugendheim oder auch die bevorzugte Jugendkneipe nach der Schule in Recklinghausen besuchen. Mit 15 lernte ich meinen ersten „richtigen Freund“ Reiner kennen. Und meine Mutter erlaubte mir, die damals recht neue Pille zu beschaffen, was ja nur mit Erlaubnis der Eltern ging.

Ich geriet aber auch dauernd mit ihr aneinander, wenn ich etwa nicht sauber genug geputzt hatte, 5 Minuten zu spät kam, „Widerworte“ gab oder unordentlich wäre. Es setzte Ohrfeigen, sie gab mir Hausarrest, leerte die Schubladen und Schränke in meinem Zimmer auf dem Boden aus. Ich fürchtete meine Mutter wegen ihrer Unberechenbarkeit. Richtig schlimm wurde es, als mein Vater längere Zeit zu Hause war. Er hatte zusätzlich Schwierigkeiten damit, dass ich erwachsen wurde, wollte die Freiheiten, die mir meine Mutter bereits gewährt hatte, wieder einschränken. Die Diskussionen, die daraus entstanden habe ich mit aller auf der Schule gewonnenen Sprachmächtigkeit bestritten, was meinen Vater unglaublich wütend machen konnte. Ich wollte aber auch nicht nachgeben und Freund, Freunde und Ausgehen wieder aufgeben. Solche Auseinandersetzungen konnten zu ernsthaften Prügeln führen, die immer häufiger wurden. Mit 17 dann ging ich am Tag nach einer solchen Auseinandersetzung zum Arzt und zum Jugendamt, führte meine Striemen und blauen Flecken vor. Mit deren Duldung zog ich zunächst bei den sehr netten Eltern meines Freundes Reiner ein. Später brachte mich das Jugendamt dann bei einer „Pflegemutter“ unter. Dort blieb ich bis zum Abitur. Auch das war keine leichte Zeit. Mein Freund wechselte zum Studium nach Berlin. Das Jugendamt traf sich häufiger mit meinen Eltern und war gar nicht mehr wohlwollend. Die Pflegemutter setzte enge Grenzen, Abendessen um 19.00 Uhr, zu Hause sein unter der Woche um 21.00 Uhr, Samstag um 22.00 Uhr, keine Musik in meinem Zimmer, selbst meine geliebten Besuche in den Ruhrfestspielen (ich hatte mir schon seit Jahren von meinem Taschengeld ein Schülertheaterabo gekauft) musste ich aufgeben. Ich wagte nicht aufzumucken, drohte doch das Jugendamt mir damit, mich zu meinen Eltern zurückzuschicken. Deren liebste Drohung, war mich von der Schule zu nehmen und in der Fabrik arbeiten zu lassen. Tatsächlich musste ich gleich nach meinem letzten Schultag  Anfang März 1974 in die Wohnung meiner Eltern zurückkehren. Ich machte meinen Eltern dann vor, dass ich bereits einen Studienplatz in Berlin hätte und nun ein Praktikum machen müsse in der Zimmerei  der Eltern meines Freundes. So verließ ich also jeden Morgen das Haus und arbeitete in der Zimmerei in der Werkstatt, auf der Baustelle oder im Büro. Das mit dem Studienplatz war erstmal gelogen. Ab Mitte Mai hatte ich dann in einem ausführlichen Bewerbungsprozess einen Studienplatz für Malerei an der Hochschule für Künste in Berlin gewonnen und zog noch im August nach Berlin um. Erst im November wechselte ich zu Bauingenieurwesen. Anfangs wohnte ich noch im Zimmer von Reiner zur Untermiete bei einer alten Dame. Nicht bald danach hatten wir uns allerdings heftig verstritten und trennten uns.  Reiner konnte nicht damit umgehen, dass ich so schnell so viele, vor allem männliche Freunde fand, was Wunder an der TU Berlin. Ich war eines unter den 3% weiblichen Wesen bei den Ingenieurstudenten. Erst nach der Trennung war ich wirklich frei und ungebunden. Zu meinen Eltern hielt ich nur noch gelegentlichen Kontakt, stattete mal einen Weihnachtsbesuch ab. Vor allem fühlte ich mich emotional frei von rücksichtsvoller Verantwortung meinen Eltern gegenüber. Mit den Jahren wurde unser Verhältnis ungezwungener, aber wirklich enger wurde es nie.

Und mein Bruder Jörg, damals noch Hansi, was machte er die ganze Zeit? Von meinen Auseinandersetzungen mit meinen Eltern blieb er weitgehend verschont. Er wusste auch, wann Leisetreten angesagt war. Prinzipiell war er in die Verteilung der Aufgaben einbezogen, aber es wurden immer nur Arbeiten an „Euch beide“ verteilt, denen er sich straflos entzog. Er wusste ja, dass ich als ältere immer zuerst zur Verantwortung gezogen würde. Er musste nie um den Erhalt von Privilegien kämpfen. Während ich nachmittägliches Weggehen erstreiten musste, kam er nach der Schule einfach nicht nach Hause. Er bekam aber auch nicht die Aufmerksamkeit, die ich all die Jahre hatte. Er war immer irgendwie weggeduckt. Als ich dann von Zuhause ausgezogen war, war mein Bruder 14. Meine Eltern wandten sich ihm zu, versuchten es besser zu machen. Ihn zu fördern. In diese Zeit fiel auch die erste „richtige“ Urlaubsreise nach Gran Canaria, etwas Besonderes nach 7 Jahren Ferien im Salzkammergut. Aber es war wohl zu spät. Mein Bruder hatte den Übergang zu einer höheren Schule verpasst. Zu schlecht waren seine Noten und sein Interesse an der Schule nur mäßig. Meine Mutter verschaffte ihm eine Lehre als Elektriker bei der Zeche. Er schloss eine zweite Ausbildung als Energieanlagenelektroniker an. Jahrelanges Mitarbeiten beim Deutschen Roten Kreuz verbunden mit der Begleitung Jugendlicher ins Ferienlager, befreite ihn vom Wehrdienst und verschaffte ihm später einen Berufswechsel zum Sanitäter und noch später in die Personalabteilung bei der RAG Ruhrkohle AG. Es heißt, mein Bruder war sauer, dass mein Vater an mich mein ganzes Studium lang den Bafög-Satz als Unterhalt zahlte, während er von seinem Lehrlingsgehalt zu Hause abgeben musste. Als meine Mutter meinen Vater verließ war er 17 und hütete fortan die Wohnung, während mein Vater im Ausland war. Mein Bruder heiratete und ließ sich nach einigen Jahren scheiden. Diese Frau mochte meine Mutter nie, weshalb es zum Bruch zwischen ihr und meinem Bruder kam. Jörgs zweite Frau Elke erkrankte einige Jahre nach der Hochzeit an Kieferkrebs. Sie behielt ein verunstaltetes Gesicht und verließ selten das Haus. Ihr zuliebe und wegen der günstigen Freistellungsbedingungen für den Kohleaustieg, ließ sich mein Bruder bereits mit 56 Jahren pensionieren. Elke verstarb in diesem Jahr mit 49 Jahren. Erst jetzt sucht mein Bruder etwas engeren Kontakt zu mir, seiner letzten Verwandten, nachdem wir nie eine Bruder-Schwester-Beziehung hatten.

23.11.2018

Februar 2019 vor der nächsten Reise

Immer wieder wird meine Beschäftigung mit dieser Website unterbrochen, häufig durch besonderen Arbeitsaufwand bei der Organisation unseres „Rentnerlebens“, einen Auftrag, den uns Wolfgang beschafft hat und der immer zur Unzeit erteilt wird und unverzüglich bearbeitet werden muss, bevor die nächste Reise ansteht.

Einige private Ereignisse haben uns zusätzlich beschäftigt. Unser guter Freund Hans ist plötzlich nach kurzer Erkrankung verstorben, Trauer, Wohnungsauflösung, Beerdigung haben uns beansprucht. Zu gleicher Zeit musste unsere Tochter Hannah aus dem Studentenwohnheim ausziehen. Ihre maximale Wohndauer war schon überschritten, aber Wohnungssuche in Berlin für eine Vierpersonen- Studenten-WG ist extrem schwierig. Endlich, Anfang November hatten wir einfach Glück. Wir brauchten und fanden eine neue Hausverwaltungsfirma für unsere Stiftung. Eine Freundin empfahl uns ihren Hausverwalter und der hatte zufällig genau die passende Wohnung an der Hand.

Zum ersten Mal stand nicht die gemeinsame Silvesterreise mit Hans an, statt dessen buchten wir schnell entschlossen Weihnachtsferien im Robinsonclub Arosa. Wolfgang wollte unbedingt mal wieder richtigen Schnee und stellte sich lange Waldspaziergänge vor, Hannah wollte seit 10 Jahren zum ersten Mal wieder Skilaufen und vor Silvester zum Feiern nach Berlin zurück und ich wollte Ruhe und keinen Weihnachtsstress. Alles bekamen wir in perfekter Weise. Ich hatte z.B. keinen Geschenkbeschaffen-Stress. Wir hatten Hannah in ihrer neuen Wohnung eine Küche gesponsert, weshalb Geschenke für sie erledigt waren. Damit waren auch gleich Geschenke für Wolfgang und mich ausgeschlossen, schließlich konnten wir nicht vor Hannahs Augen eigene Päckchen auspacken. Wolfgang hatte dann einen Tag nach Ankunft 60cm Neuschnee im Ort und perfekte Ein- bis Zweistundenspaziergänge mit mir von der Bergmittelstation ins Tal hinab. Und Hannah stellte befriedigt fest, dass sie Skifahren nicht verlernt hatte. Also, alles in allem super, und nur eine winzige Spur langweilig, deshalb nicht unbedingt zur Wiederholung angesagt.

Zur Wiederkehr am 2.1.2019 fanden wir dann unser Auto in der Tiefgarage ausgeräumt vor, Bordcomputer, Lenkrad, Scheinwerfer alles weg, Stoffdach aufgeschnitten, tiefe Kratzer in den Lederpolstern und alle möglichen Kabel zerschnitten.

Nun ist aber alles wieder geregelt und unsere nächste Reise steht bevor, 2 Wochen Safari in Tansania und eine Woche Tauchen auf Pemba, nördlich von Sansibar.  Weitere Reisen sind bereits organisiert oder geplant. Mit Hannah fahren wir im Sommer 3 Wochen Auto rund um Island. Ende September geht es auf Kreuzfahrt in der Ostsee baltische Städte besuchen. Und nächstes Jahr im Januar folgt noch einmal ein Besuch der Antarktis.

Für seine Chronik hat Wolfgang gebeten, dass ich ihm die Geschichte meiner Familie aus den letzten 4 Generationen aufschreibe. Er hielt meinen eher proletarischen Hintergrund für ein bestens geeignetes Beispiel gänzlich anderer Lebensweise, als der seiner eigenen Familie. Mein Bericht wird also in seine Chronik aufgenommen. Hier stelle ich ihn schon einmal vorab ein.