Nach den drei kurz aufeinander folgenden Reisen, bei denen die Vielfalt der Ziele kaum hätte größer sein können, erwartete uns zu Hause ein Berg von Arbeit. Zum Teil ist es gelungen, den abzuarbeiten, sofern uns nicht fremde Urlaubspläne, also solche von den uns zuarbeitetenden Menschen, aufhalten. Nun, jedenfalls ist jetzt erst mal Pause.
Man könnte fragen, was mich in meiner Situation und in meinem Alter denn so sehr beschäftigt. Die Organisation unseres privaten Lebens dürfte doch nicht so schwer sein. Ist sie natürlich auch nicht, aber eben sporadisch mit erheblichem Aufwand verbunden, der dazu noch in kurzer Zeit erledigt werden muss. Dieses Frühjahr hat mich der Verkauf meines einzigen Mehrfamilienhauses beschäftigt. Die Verträge mit der Verwaltung und dem Käufer, die Abrechnungen und Ärger mit säumigen Mietern mussten abgeschlossen und erledigt werden. Es bot sich an, gleich anschließend unsere privaten Steuerunterlagen zusammenzustellen.
Weit mehr Arbeit macht mir die Verwaltung einer kleinen Familienstiftung. Wolfgangs illustre Familie, deren Stammbaum über 18 Generationen bis ins Jahr 1400 zurückverfolgt werden kann, ist an einigen Familienstiftungen beteiligt. Mehrere Vorfahren haben, anstatt ihr Vermögen einfach zu vererben, Testamente aufgesetzt, die heute einer Familienstiftung gleichkommen. Ein Teil des Immobilienbesitzes sollte verwaltet werden und die Einkünfte den Erben und allen Nachkommen zur Verfügung stehen. Eine dieser Stiftungen ist die Georg-Moritz von Oppenfeld’sche Familienstiftung. Georg Moritz von Oppenfeld ist der Schwiegergroßvater von Wolfgangs Urgroßvater. Georg Moritz wollte seine drei Töchter, unabhängig von ihren wohl eher nutzlosen Ehemännern, abgesichert werden. Er bestimmte, dass seinen drei Töchtern und allen ehelichen Nachkommen die Einkünfte aus der Vermietung eines Mietshauses ausgezahlt werden.
Die Immobilie stand in Berlin und wurde in den 30iger Jahren des vorigen Jahrhundert gegen ein großes Mietshaus in der Berliner Torstraße getauscht. Während der DDR-Zeit war die Stiftung deshalb mittellos. Erst nach der Wende hat die Berliner Stiftungsverwaltung einen neuen Kurator bestimmt, um das Schicksal des Oppenfeld Testaments aufzudröseln. Es zeigte sich, dass das Haus kurz vor der Wende widerrechtlich in den DDR Staatsbesitz übereignet wurde. Der Kurator bemühte sich um Rückgabe und musste dazu erst einmal die Ansprüche der Gesellschaft niederkämpfen, die sich für die Rückgabe enteigneten jüdischen Besitzes im NS-Regime kümmerte. 1992 war es endlich gelungen. Das Mietshaus in der Torstraße war wieder in Stiftungsbesitz. Es war nur entsetzlich heruntergekommen. Wegen des immer schon riesigen Wohnungsmangels sind in so einem vernachlässigten Gebäude trotzdem alle Wohnungen vermietet, und unter der DDR-Verwaltung auch noch zu lächerlich niedrigen Mieten an verdientes Parteivolk. Je größer die Wohnung ist, umso niedriger ist die m²-Miete gewesen. Behindert durch solche Umstände kam der Kurator mit der Instandhaltung des Gebäudes nur langsam voran, wenngleich er sämtliche Einnahmen in Sanierungen steckte. So gab es für die Nachfahren der Erben weiter keine Ausschüttungen aus der Stiftung.
2013 zogen Wolfgang und ich nach Berlin zurück, Anlass für einen Teil der Oppenfeld-Erben doch die Ablösung des Kurators der Stiftung aktiver zu betreiben. Nachdem der Sohn eines der jetzigen Destinatäre, Rechtsanwalt in Berlin, keinen Erfolg bei der Kooperation mit dem Kurator hatte – dieser war mittlerweile weit über 80 Jahre alt und etwas eigen und starrsinnig- sprang Wolfgang in die Bresche und bot sich als Bauingenieur für ein sanierungsbedürftiges Haus und mich als versiertem ehemaligen Kaufmann eines Unternehmens als Verwalter an. Es gelang und seit 2015 sind Wolfgang und ich Verwalter der Oppenfeld’schen Familienstiftung.
Wir stellten schnell fest, dass die weitere Sanierung großen Aufwand erfordern würde, kreditfinanziert werden musste und mit Widerstand der äußerst günstig wohnenden Mieter zu rechnen war. Dafür war aber die Lage der Immobilie grandios, in Berlin Mitte ist die Torstraße Herzstück eines aufstrebenden Geschäfts-und Vergnügungsviertels. Über ein paar verschlungene Wege kamen wir in Kontakt mit einem erfolgreichen Berliner Immobilien Investor, dem sehr jungen Jacob Mähren. Er war so begierig auf eine Immobilie in der Torstraße, dass er dafür zwei Drittel von gleich zwei bereits sanierten Berliner Mietshäusern eintauschte. Das war ein sehr gutes Geschäft für die Stiftung, denn nun gab es von Anfang an verfügbare Einnahmen, die an die Destinatäre ausgeschüttet werden können.
Der Immobilientausch machte aber auch Wolfgangs Fähigkeiten als Bauingenieur ziemlich obsolet. Ohnehin hatte Wolfgang sich von Anfang an darauf verlassen, dass ich schon wisse, was bei der Verwaltung einer Stiftung zu tun ist. Und so ist er natürlich immer interessiert an dem, was gerade passiert, hält sich bei der Bearbeitung von Stiftungsangelegenheiten aber zurück. Ohnehin hatte er mehr Spaß, seinen alten Geschäftsfreund Piero Satta beim Abschluss eines alten Tanklagerprojektes im Oman zu unterstützen. Piero ist Ende 2021 gestorben und nun hilft Wolfgang Pieros Kindern umso mehr, das schwierige Projekt fertigzustellen.
Die Arbeit mit der Stiftungsverwaltung bleibt also bei mir. Und ich schimpfe zwar gelegentlich, aber eigentlich ist es interessant. Gestützt auf eine Wohnungsverwaltungsfirma, liegen vielfältige Themen zur Erledigung bei mir. Die Verwaltung halte ich von allen rechtlichen Auseinandersetzungen mit Mietern frei, desgleichen befasse ich mich mit den häufig anstehenden Sanierungs- und Modernisierungsnotwendigkeiten bei den Gebäuden und den Wohnungen. Ich gestalte auch die Jahresabschlüsse und kläre Steuerangelegenheiten. Dann ist da noch die reine Stiftungsverwaltung, der Kontakt mit den Destinatären und die Erfüllung der Testamentsbedingungen, z.B. zum Thema, wer eigentlich berechtigter Erbe ist oder ob die Stiftung bei einer bestimmten Anzahl Destinatären aufgelöst werden muss, und wenn ja, wie das zu machen ist.
Wolfgang hat sich dagegen näher mit diesem Teil seiner Vorfahren befasst und die Erkenntnisse in seine Familienchronik eingefügt. Außerdem hat Georg Moritz in Berlin ein feudales denkmalgeschütztes Grabmal auf dem Berliner Dreifaltigskeitsfriedhof. Das ist zwar in städtischen Besitz übergegangen, dennoch verlangt das Testament, die Stiftung möge das Grabmal unterhalten. Als erstes hat Wolfgang den aufgebrochenen Sarg untersuchen und Instand setzen lassen.
Aber genug von der Arbeit, jetzt ist Zeit wieder eines der Feste genauer zu beschreiben. Wir haben einen merkwürdigen Sommer in Berlin: auf kurze sehr heiße Perioden schließen sich ein bis zwei Wochen mit viel Regen und Temperaturen um 20 Grad an. Ich berichte euch deshalb vom einzigen -beinahe- Sommerfest, das die Lollar-Connection in unserem Haus feiern konnte.