Corona und die verlorene Lebenszeit

Wieder ist mehr als ein Jahr vergangen nach meinem letzten Eintrag. Erst gab es viel zu tun, u.a. mit der Verwaltung der Oppenfeld’schen Familienstiftung- doch davon ein anderes Mal mehr. Unmittelbar nach unserer letzten Reise, von der ich bald den Reisebericht hier einstellen werde, begann ernsthaft die Coronakrise. Ich will nichts über das Virus erzählen, davon haben alle schon genug gehört. Aber was bedeutet die Krise für unser Leben?

In vielerlei Hinsicht sind wir privilegiert: unser Vermögen, von dem wir ja im Wesentlichen leben ist vernünftig angelegt und hat nur wenig, und das auch nur auf dem Papier, an Wert verloren. Wir haben also keine finanziellen Sorgen, zumal ja viele große und kleine „Kostenverursacher“  weggefallen sind. Unsere Arbeit findet schon seit vielen Jahren im „Homeoffice“ statt, wir sind dafür eingerichtet. Abgesehen von der Arbeit für die Stiftung und unsere private Lebensführung bekommen wir immer schon nur sporadische Aufträge, die wir eher zum Vergnügen an sinnvoller Beschäftigung annehmen. Unsere Tochter ist erwachsen, lebt in ihrer Wohngemeinschaft, ist glücklich mit ihrem Freund und arbeitete an ihrer Masterarbeit auch vor Beginn der Krise schon zu Hause. Wir sind mit Ausnahme kleiner Wehwehchen gesund. Also kein Grund für Sorgen.

Und dennoch beeinträchtigt uns die Coronakrise heftig. Sie schränkt unseren Spaß am Leben ein. Sie schneidet uns ab von allen aushäusigen Aktivitäten, für die wir u.a. nach Berlin gezogen sind.  Kein Theater, Kino und Konzert. Der Terminkalender ist leer gefegt. Uns fehlen die vielen Treffen mit unseren Freunden. Sie sind doch für uns Familienersatz. Und ich möchte meine Freunde herzen und Knuddeln. Wolfgang hat sich angewöhnt, viele von ihnen immer Mal wieder anzurufen. Und er schreibt Rund-Emails, über die Politik, den Umgang mit Corona, Trump und was ihn noch so bewegt. Das gelegentliche Feedback unserer Freunde erfreut und ermuntert ihn. Ich halte Telefonkonferenzen mit unserer Doppelkopfrunde ab, lese in den Chats meiner Spielgruppen.  Aber das alles ersetzt nicht den persönlichen Kontakt, die vergnüglichen Abende und andere zusammen verbrachten Stunden, unser ausgefallenes Fest zum 1. Mai, das Semestertreffen mit den Freunden von Wolfgangs Ingenieurschule.

Und es ist ja noch lange nicht vorbei, trotz zunehmender „Lockerungen“, vor allem auch, weil wir als Risikogruppe nicht allen angebotenen Lockerungen folgen möchten. Weiterhin beschränken wir drastisch unsere persönlichen Kontakte. Keine Veranstaltung mit vielen nahen Fremden in geschlossenen Räumen für uns. Und ohne Impfung setzen wir uns in kein öffentliches Verkehrsmittel und schon gar nicht in ein Flugzeug. Und damit fällt auch noch ein sehr wichtiger Teil unseres Lebens aus, keine Reisen in die Ferne. Alle noch geplanten Reisen für dieses Jahr, in die Baltischen Staaten, nach Frankreich und nach Armenien und Georgien, sind storniert. Ob sie dann nächstes Jahr stattfinden können, steht in den Sternen. Für uns macht das einen erheblichen Teil unseres Lebens aus, sind wir doch in der Regel 4 Monate im Jahr verreist. Jetzt fahren wir im Juli eine Woche ins Allgäu und im August an die Schlei. Die Bilder im Fernsehn von überfüllten Urlaubsorten grausen mich etwas. Und Kochen im Ferienhaus, ebenso wie all die kleinen Unbequemlichkeiten einer Wohnung, die nicht die eigene ist, lassen mich auch nicht frohlocken. Wir fahren um die Langeweile etwas zu mildern. Wir füllen eine Liste mit Sehenswürdigkeiten, die es zu erkunden gilt. Denn das ist es, was Corona tatsächlich mit uns macht: Es klaut uns nach unseren Wünschen glücklich verbrachte Lebenszeit. Und davon haben wir in unserem Alter eigentlich nicht so viel zu verschwenden.

Und vielleicht zum Thema Angst: Uns treibt nicht die Angst vor der Lebensgefahr. Wenn wir an einer Corvid 19 Infektion sterben sollten, haben wir eben Pech gehabt. Wir gehen auch andere Risiken ein. Uns schrecken die bei Risikopatienten gar nicht so seltenen Langzeit- und Nebenwirkungen der Krankheit und der Beatmung.  Wir wollen keine lang andauernden körperlichen Einschränkungen erleiden, Atemnot, Kreislaufprobleme, kognitive Störungen. So etwas verunmöglicht schließlich nicht nur erst recht die von uns ersehnten Aktivitäten sondern schränkt auch die anderen in der Familie ein. Im Falle einer nötigen intensivmedizinischen Behandlung haben wir deshalb entsprechende Verfügungen getroffen.

Und so ärgert mich die Hybris vieler Ignoranten, die die wenigen empfohlenen Corona-Einschränkungen ignorieren, wie Maske tragen, Abstand halten und die Corona-Warn-App verwenden. Das sind doch nun wirklich geringe Unbequemlichkeiten, mit denen man „die Anderen“ schützt. Wie kann man da lamentieren über die Unbequemlichkeit der Masken, die angebliche Verletzung des Datenschutzes und die ungeheure Einschränkung der persönlichen Freiheit, anderen nicht dicht auf die Pelle zu rücken.

Diese Leute sind nichts als dumm, egoistisch und asozial.