Gerade ist ein weiterer unserer besonders langjährigen Freunde gestorben, Klaus Thiele. Er war ein wichtiger Teil unseres Freundeskreises, organisierte die Zugfahrten für alle zu unserem Fest, prägte den Begriff „Lollar-Connection“ und gestaltete zusammen mit Hans Claussen den Ausflug zum HANS-DAY, einem Fest, das irgendwann alljährlich Hans‘ Geburtstagsfeier ersetzen sollte. Klaus sorgte schon sein Jahren für seine zunehmend dementer gewordene Frau Sonja. Dennoch war es ihm ein Anliegen, meinen Mann Wolfgang bei dessen Familien-Chronik zu unterstützen, soweit die Geschichte nach Berlin, Potsdam und Brandenburg führte. Alle paar Wochen organisierte er für uns Ausflüge zu Orten, die mit Wolfgangs Altvorderen in Zusammenhang standen.
Nun sind Klaus uns Sonja im Abstand von nur wenigen Tagen gestorben, Treffen der zurückgebliebenen Freunde standen an und besonders gern wurden die Erinnerungen an die Anfänge unser Jahrzehnte alten Beziehungen hervorgekramt. Für mich begann natürlich alles mit Wolfgang, den ich, damals noch Studentin im Hauptstudium, als Assistenten für Wasserbau bei einer Projektübung das erste Mal traf. Ein Jahr später hatte ich mich als studentischer Mitarbeiter am Institut für Wasserbau beworben, und es war Wolfgang zu verdanken, dass in dieser wissenschaftlichen Männerdomäne nun erstmals eine Frau angestellt wurde. Und wieder ein Jahr später, ich hatte gerade eine langjährige Beziehung beendet, begann die anfangs durchaus wechselhafte Beziehung zwischen Wolfgang und mir. Das war April 1979, ich war 23 und Wolfgang 35, und nun dauert unsere gemeinsame Geschichte schon 42 Jahre.
Wolfgang war aktiv in der Hochschulpolitik der TU Berlin und gehörte der linken Fraktion an. Die fand sich allwöchentlich zum sogenannten Montagskreis zusammen, einer Verbindung fortschrittlicher wissenschaftlicher Mitarbeiter, die Funktionen in allen möglichen universitären Entscheidungs-Gremien wie Akademischer Senat und Kuratorium, hatten. Aus diesem Kreis rekrutierte sich ein großer Teil von Wolfgangs Freunden. Dazu kamen alle seine ehemaligen Beziehungspartnerinnen, hatte Wolfgang doch die Gabe, mit ihnen liebevolle freundschaftliche Beziehungen zu bewahren, und einige Kollegen aus dem Institut für Wasserbau. Ich wurde von allen nett aufgenommen, hatte anfangs als Studentin aber natürlich keinen Zugang zum Politzirkel der wissenschaftlichen Mitarbeiter. Das kam erst 1981, als ich selber Assistent beim Institut für Kerntechnik der TU Berlin wurde.
Das erste von mir veranstaltete Fest im Hessischen war 1983, noch in Lich-Eberstadt. Zuvor hatte ich lediglich ein Fest in meiner Berliner Wohnung veranstaltet, anlässlich meines 21. Geburtstages, unter dem Motto „Jeder bringt was zu essen mit, Bier gibt es von mir“. Erfahrung im Fest-Ausrichten hatte ich also nicht. Aber es war klar, dass von auswärts anreisende Leute keine Lebensmittel transportieren würden. Außerdem hatte ich nicht wirklich Einfluss auf die Namen und die Anzahl der eingeladenen Gäste. Die Berliner Freunde organisierten sich selbst. Wolfgang arbeitete in Gießen viel, lud ein, wen immer er zufällig traf, und vergaß in der Regel, mir davon zu erzählen. Sein Bruder Dietz nahm sich die Freiheit, ebenfalls ein paar seiner Freunde und Kumpel aus dem Dorf dazu zu bitten. Und ich wohnte und arbeitete in Berlin und bekam nichts mit. Ich hatte es also mit einem etwas erweiterten Sixpack aus Berlin zu tun, das bereits Freitag eintreffen würde, und mit einer unbekannten Anzahl Personen am Samstag. Das erforderte größere Mengen Essen, das einige Stunden genießbar sein musste und – um Himmels willen – genug alkoholische Getränke.
Ich rechnete also mit 15 -30 Teilnehmern an der Fete am Samstag, es wurden dann etwas über 20, alle in Wolfgangs Wohnung auf dem Dach. Ich hatte also wenig Zeit und viel vorzubereiten, obwohl ich bereits eine Woche vor dem Fest anreiste. Schlafen würden unsere Freunde von außerhalb, wie im Jahr zuvor, im Gasthof in Eberstadt. Aber die Lebensmittel für Frühstück und das Fest am Samstag mussten beschafft werden. An Getränken war damals vor allem Bier erforderlich und etwas Schnaps, kaum jemand trank Wein, allenfalls ein paar Flaschen italienischer Rotwein mussten bereitstehen. Für das Essen hatte ich geplant, typische Berliner Kneipen- und Fetengerichte zuzubereiten und davon größere Mengen. Ich erinnere mich an folgende Speisen:
Berliner Kartoffelsalat
Prager Schinken
Kräuterquark
Griebenschmalz und Krustenbrot
Tomatensalat
Nudelsalat
Käseplatte, Trauben und sauer eingelegtes Gemüse
Vanillepudding mit Blaubeeren
Rote Grütze mit Vanillesoße
Man sieht, ich habe schon damals nichts von Dosenfutter und schon gar nicht vom Catering gehalten. Die Anzahl der Gerichte und der Aufwand beim Kochen war nicht sehr groß, schließlich musste ich alles allein in der Miniküche erledigen, die zu Wolfgangs Wohnung gehörte. Deshalb folgen hier auch keine großartigen Rezepte sondern eher Hinweise auf die Mengen und die Zubereitung. Aber alles schmeckte gut und nichts blieb übrig. Später nannte ich das Menü dann „Berliner Kneipe“.
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Griebenschmalz
Das Schmalz zu kochen, war sicher der aufwändigste Teil, sorgte aber auch für die Sättigungsbeilage schlechthin und war besonders billig für einen armen Studenten. Damals konnte man noch überall Metzger, in Berlin „Fleischer“ genannt, finden, und bei denen nach grünem, also ungeräuchertem Schweinespeck fragen. Ich kaufte also 2 kg grünen Speck und 500 g geräuchertes Schweinebaufleisch, auch „durchwachsener Speck“ genannt, beides ohne Haut und mit der groben Scheibe durch den Fleischwolf gedreht. Außerdem brauchte ich 4 mittlere Zwiebeln, 2 saure Äpfel, 4 Lorbeerblätter und 20 Wacholderbeeren, etwas Salz. Ich setzte das Fett bei mittlerer Hitze auf den Herd und wartete, bis es geschmolzen war. Maßvoll salzen (etwa ein gestrichener Teelöffel). Dann fügte ich die in Würfel geschnittene Zwiebeln und Äpfel und die Gewürze hinzu und ließ alles noch 20 min braten. Nichts darf verbrennen oder zu dunkel werden. Etwas abkühlen lassen und die Gewürze herausfischen. In eine feuerfeste Schale umfüllen und im Kühlschrank abkühlen, dabei immer mal wieder rühren, damit sich Äpfel, Zwiebeln und Grieben, also die knusprigen Anteile im Schmalz, die aus Bindegeweben und Fleisch entstehen, gut verteilen. Zum Schluss die Gewürze wieder obenauf legen. Solches Schmalz hält sich gut gekühlt einige Wochen und kann deshalb auch einige Tage vor dem Fest zubereitet werden.
Dazu kaufte ich geschnittenes Roggenbrot mit guter Kruste, das auch zum Käse gegessen werden kann.
Rote Grütze mit Vanillesoße
Die Grütze kann man gut ein bis zwei Tage vor dem Fest kochen. Ich nahm an, dass ich 15-20 Portionen brauchen würde. Dazu kaufte ich 2 kg gefrorenes Obst: Himbeeren, Erdbeeren und Kirschen, ein Pfund Zucker und Speisestärke. Ich kochte das Obst ohne zusätzliches Wasser mit anfangs 250g Zucker und probierte. Falls es zu sauer war, dass hängt von der Zusammensetzung der Fruchtmischung ab, fügte ich esslöffelweise Zucker dazu. Gebunden habe ich die Grütze mit Speisestärke, auch hier bestimmt die Zusammensetzung die nötige Menge. Ich fing mit einem Esslöffel Stärke, angerührt in 2 Esslöffel kaltem Wasser. Man merkt sehr schnell, wann die Grütze anfängt zu gelieren und dann ist es auch genug, die Grütze soll halbflüssig sein. Es gibt Leute, die bevorzuge Sago zum Binden, ich aber mag die glibbrigen Klümpchen nicht. Bis zum Fest kalt stellen, vor dem Essen kann die rote Grütze aber ruhig wieder Zimmertemperatur annehmen.
Für die Soße nahm ich einen Liter Milch und Vanillesoßenpulver und bereitete alles Morgen vor dem Fest zu, gut kühlen.
Prager Schinken
Dieser Schinken ist für Berlin sehr typisch. Dafür bestellt man beim Metzger einen gepökelten Schweineschinken mit Schwarte. Gut wäre es, wenn schon der Metzger die Haut rautenförmig einschneidet, denn dazu braucht man sehr scharfe Messer. Zum Garen lege ich den Schinken dann in eine genügend große Kasserole für den Backofen, vorheizen auf 180° Umluft. Die Dauer richtet sich nach dem Gewicht des Schinkens, dazu kann man gern in die Betriebsanleitung des eigenen Backofens schauen und die Garzeit für „Krustenbraten“ nehmen. Für einen 2,5 kg Schinken rechne ich mit 2- 2,5 Stunden. Sollte keine aufgeplusterte Kruste entstehen, übergieße ich den Schinken eine halbe Stunde vor Ablauf der Zeit noch einmal mit etwas Wasser und stelle den Herd auf 200° hoch. Vor dem Braten bestreiche ich den Schinken mit einer Mischung aus Öl und zerdrücktem Knoblauch, kein Salz, wegen des Pökelns. Zum Essen sollte der Schinken warm sein, die Reste schmecken aber auch sehr gut kalt.
Kräuterquark
Als Soße zu dem Pragerschinken oder auch als Brotaufstrich für die, die keinen Schmalz mögen, ist Kräuterquark prima. Ich würde 1,5 kg Magerquark mit wenig Milch glatt rühren. Die gemischten Kräuter können ruhig aus dem Kühlregal ( 2 Pakete) kommen, eventuell mit einem Bund Schnittlauchröllchen verfeinern. Würzen mit Salz und Fondor, bis zum Abend kalt stellen.
Berliner Kartoffelsalat
Auch diesen Kartoffelsalat lernte ich erstmals in Berlin kennen und, da ich kein Freund von Fertigmayonnaise bin, auch lieben, so dass er heute noch zu meinen Standardgerichten gehört. Ich nehme zum Anmachen meine größte Salatschüssel. Da hinein passt Salat aus ca. 3,5 kg Kartoffeln. Diese Menge reicht sicher für 15 Personen. Die Kartoffeln müssen festkochend sein und werden als Pellkartoffeln gegart. Solange die Kartoffeln garen, schäle und würfele ich 2 Zwiebeln, lasse Speckwürfel aus und brate die Zwiebeln in dem Fett glasig. Falls erforderlich, bzw. der Speck nicht sehr fett ist, nehme ich etwas neutrales Pflanzenöl dazu, Olivenöl schmeckt hier nicht. Ich mische 75 ml Weißweinessig mit ebenso viel Wasser und gieße alles zu den Speckzwiebeln in die Pfanne, um es zu erwärmen. Die fertigen Kartoffeln werden gepellt, in Scheiben geschnitten und mit dem warmen Essiggemisch übergossen. Falls die Flüssigkeit nicht reich kommt mehr Öl hinzu. Mit Salz abschmecken. Zum guten Schluss hacke ich ein Bund Dill und mische es kurz vor dem Servieren unter den fertigen Salat. Der kann ruhig noch etwas warm sein, hält aber auch stundenlang frisch. Nur zu kalt aus dem Kühlschrank wird das Fett im Salat fest und macht alles etwas pappig. Also gegen Mittag zubereiten und in der Küche stehen lassen, ist ok, nur der Dill sollte erst kurz vorm Schluss dazu.
Vanillepudding mit Heidelbeeren
Hier habe ich es mir einfach gemacht. Schon am Tag vor dem Fest habe ich 2 oder 3 Pakete gefrorene Heidelbeeren mit Zucker und Vanillezucker einmal aufgekocht. Ich kochte 2 oder 3 Pakete Oetker Vanillepudding, füllte den Pudding in zwei oder drei Schüsseln und gab die Heidelbeeren darüber. Das ganze konnte über Nacht im Kühlschrank kalt werden. Unter den Heidelbeeren entwickelte der Pudding keine Haut, was mir wichtig war. 2 Schalen Pudding reichen sicher für 15 Personen, wenn es 20 und mehr werden, sollte vielleicht eine dritte Schale her.
Nudelsalat
Die meisten haben Nudelsalat mit Mayonnaise aus dem Glas zubereitet, ich habe lieber aus 1 Eßl Weißwein-Essig, 2 – 3 Eßl Olivenöl, 1 Teel Senf, Salz und Pfeffer eine Vinaigrette in einem leeren Marmeladenglas geschüttelt. Das reicht für 250 g Farfalle, Rigatoni oder andere kurze al dente gekochte Nudeln und im Allgemeinen für 4 Personen. Für ein Fest würde ich trotzdem nicht mehr als die doppelte Menge zubereiten. Erfahrungsgemäß wird Nudelsalat zuletzt gegessen, wenn es noch Alternativen gibt. Die Nudeln können nun mit den unterschiedlichsten Zutaten versetzt werden. Ich schlage vor z.B. gewürfelten Gouda, Fleischwurst, Gewürzgurke, Zwiebel. Oder gewürfelte rote Paprika, halbierte schwarze Oliven ohne Stein, Salamiwürfel, Tomatenwürfel. Die Bestandteile für den Nudelsalat können alle schon am Vortag gekocht, geputzt, gewürfelt oder geschüttelt werden. Kurz vor dem Fest nur noch mischen.
Käseplatte
Darüber ist nicht so viel zu sagen, es reichen 4 mal 500g verschiedene Käse, z.B. in der damaligen Zeit Gouda, Camembert, ein Blauschimmelkäse und ein milder Rotschmierekäse. Den Käse auf einem Brett mit bunten Weintrauben anrichten, eine Platte mit Senfgurken, rote Beete und Perlzwiebeln passt dazu, jeweils nur ein kleines Glas von jeder Sorte.
Tomatensalat
Das ist das am wenigsten haltbare Gericht im ganzen Menü. Früher hat man dazu eine Vinaigrette, ziemlich sauer, mit rohen Zwiebelwürfeln und Tomatenscheiben genommen. Heute würde ich den Rand einer Platte mit Basilikumblätter auslegen und in der Mitte verschiedene geviertelte Tomaten anrichten, rote, gelbe, grüne und schwarze, und darauf achten, dass die Tomaten auch wirklich schmecken. Kurz bevor die Gäste kommen würde ich Pfeffer und Salz darüber mahlen und mit wenig Balsamico und etwas mehr bestem Olivenöl beträufeln.
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Wenn es darum geht, mit wenig Aufwand ein großes Fest kulinarisch zu versorgen, kann eine solche, etwas nostalgische Speisenfolge durchaus geeignet sein. Aber natürlich gibt es Alternativen, die ich gern beschreibe, wenn ich über die neuzeitlichen Feste auf unserer Terrasse erzähle. Jedenfalls begründeten die ersten Feste eine Tradition, die mehr als drei Jahrzehnte lang einen Freundeskreis befestigte, der u.a. dazu führte, dass wir nach Abschluss unseres Arbeitslebens in Giessen nach Berlin zurückzogen, dass auch unsere Tochter Hannah zum Studium nach Berlin ging, dass wir heute noch gern und mehrmals im Jahr Feste mit vielen Personen ausrichten, auch wenn sie nicht mehr mehrtägig sind.
